Emil Oestreicher

* 18.12.1873 in München deportiert am 15.07.1942
ermordet in Treblinka im Sept. 1942
Türkenstraße 26

Stolperstein noch nicht verlegt


Emil Oestreicher kommt am 18. Dezember 1873 in München als zweitältester Sohn von Amson Oestreicher, Landesproduktenhändler in München, und Johanna Oestreicher, geb. Levinger, zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule zieht er 1893 nach Frankfurt am Main. 1899 bis 1904 arbeitet er als Kürschnergehilfe in Zürich, 1904 bis 1914 in Paris. 1916 nimmt er am Ersten Weltkrieg teil. Ab 22. Oktober 1922 wohnt Emil Oestreicher wieder in München, in der Türkenstraße 26 / II. Er ist als Kürschner bei Salomon Gidalewitsch in der Sonnenstraße 27 beschäftigt. (1)

Vom 10. bis 20. November 1938, nach der Pogromnacht, sperren ihn die Nazis im KZ Dachau ein. Seine Häftlingsnummer ist 20050. (2) Am 10. Oktober 1940 muss er in die Herzogstraße 65/0 umziehen, am 25. August 1941 ins Barackenlager Knorrstraße. Vom 10. November bis 3. Dezember 1941 lebt er im Internierungslager Clemens-August-Straße 9, danach bis zu seiner Deportation wieder im Barackenlager Knorrstraße.

Am 16. Juli 1942 wird Emil Oestreicher mit dem Transport II / 15 von München nach Theresienstadt deportiert. (3) Das war einer von 24 Transporten zu je 50 Personen, mit denen von Juni bis August 1942 etwa 1200 Juden aus München und Schwaben nach Theresienstadt verschleppt wurden. Die Betroffenen wurden in Omnibussen und Möbelwagen an den Hauptbahnhof oder den Güterbahnhof in Laim gebracht, wo sie in einen Personenwagen dritter Klasse steigen mussten, der an einen regulären Zug angehängt wurde.

Im hoffnungslos überfüllten Ghetto Theresienstadt bleibt Emil Oestreicher gut zwei Monate. Ob er seinen Bruder Heinrich wiedersieht, der eine Woche nach ihm nach Theresienstadt deportiert wird? Wir wissen es nicht. Im September 1942 erreicht die Einwohnerzahl dort ihren höchsten Stand: 53.000 Menschen auf einer Fläche von 115.000 Quadratmetern. Vor dem Krieg lebten 7.000 Menschen in dem Städtchen, das die Nazis im Juni 1942 zum Ghetto gemacht hatten. Am 19. Sep-tember 1942 wird Emil Oestreicher mit dem Transport Bo mit über 2000 Leidensgenossen nach Treblinka deportiert und ermordet. Transport Bo ist der erste von elf ”Altentransporten” aus Theresienstadt, die nur drei von 19.004 Menschen überleben.

Emil Oestreicher war nicht verheiratet. Er hatte vier Geschwister: Heinrich Oestreicher, geb. 12. Mai 1868 in München, Kaufmann, wurde am 22. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 15. März 1943 ermordet. Vor seinem letzten frei gewählten Wohnort, der Viktor-Scheffel-Str. 19 in Schwabing, erinnert der erste in München dauerhaft verlegte Stolperstein an sein Schicksal.
Arthur Oestreicher, geboren am 22. April 1876, starb bereits am 28. Oktober 1929. Wilhelm Oestreicher, geboren am 11. Oktober 1877, war kaufmännischer Angestellter und heiratete am 17. August 1911 in München die Nichtjüdin Mathilde Reindl aus Lenggries. Diese ”Mischehe” war der Grund dafür, dass er – trotz seines Aufenthaltes in den verschiedenen Massenunterkünften und Internierungslagern – die gesamte Nazizeit in München überleben konnte. Er starb am 7. Januar 1954 in München.

Über das Schicksal von Betty Oestreicher, geb. 31. August 1885 in München, ist mir nichts bekannt. Emil Oestreicher war ein Neffe meiner Urgroßmutter Amalie Walter geb. Oestreicher. Die Familie Oestreicher stammt aus Oettingen im Ries. Die Leiterin des dortigen Heimatmuseums, Frau Dr. Petra Ostenrieder, hat die Geschichte der jüdischen Familien Oettingens in jahrelanger Arbeit er-forscht. Das hat meine Recherchen im Sommer 2007 sehr erleichtert. Eine Geburtsanzeige meiner Urgroßmutter ist sogar in einer Vitrine ausgestellt, einige Dokumente über Emils Vater Amson Oestreicher finden sich in großen Folianten.

Seit 2007 erforsche ich meine Familiengeschichte. Meine Mutter stammt aus einer Münchner jüdischen Familie, die auf Grund früher antisemitischer Hetze 1929 München und 1934 Deutschland verlassen hatte. Meine Großmutter überlebte die Nazizeit in Frankreich und der Schweiz, ihre Töchter in Dänemark und Großbritannien. Nach dem Krieg kehrten sie nach Deutschland zurück, wo ich 1960 zur Welt kam.
Über ihre Erlebnisse während des Kriegs und das Schicksal unserer Verwandten erzählten sie mir nicht viel. Ich habe mich auch lange Zeit wenig dafür interessiert. Doch jetzt ist es mir wichtig, die Spuren zu sammeln und öffentlich zu machen, die von ihnen geblieben sind und die vom größten Verbrechen der Menschheit zeugen: Der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Neben Fakten, Geschichten und Archivmaterial gehören dazu auch Fotos – farbig von den Orten, wo meine Verwandten zu Hause waren, schwarzweiß von den Stätten ihres Leidens.

Auch die Rekonstruktion der Biographieen ist Teil des Projekts ”Spurensicherung”. Den Namen Emil Oestreicher lese ich zum ersten Mal im Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden. Neben seinem Namen ist ein Foto aus dem Polizeikennkartendoppel abgebildet, das alle Münchner Juden 1938/39 machen lassen mussten. Es ist das einzige Foto, das ich von Emil Oestreicher habe. In seinem Gesicht erkenne ich Verlorenheit und Entsetzen. Sicher spiegelt der Ausdruck das in Dachau Erlebte wider; mir kommt es so vor, als ob er auch seinen weiteren Leidensweg schon deutlich vor Augen hätte.
Vom Bahnhof Bauschowitz (Bohušovice) mussten die Deportierten zu Fuß ins Lager gehen (der Bau der Bahngleise von Bauschowitz nach Theresienstadt durch jüdische Gefangene begann erst im August 1942). Häufig musste die Strecke in der Nacht zurückgelegt werden. Bei einem Besuch im Mai 2008 gehe auch ich diesen Weg und mache nächtliche Fotos davon.

Der Überlebende H. G. Adler berichtet über die Ankunft in Theresienstadt: ”Die Neulinge mussten mit ihrem Handgepäck in Viererreihen abmarschieren. Unter Begleitung von Gendarmerie und Ghettowache wurde der kaum 3 km lange Weg in zwei bis drei Stunden zurückgelegt. [...] Kranke und alte Menschen wurden so dicht auf Lastautos und Traktorenanhänger geladen, dass sie weder stehen noch sitzen konnten. SS-Männer lenkten schnell und rücksichtslos die schlecht gefederten Fahrzeuge. Das Ziel war die ‘Schleuse’, die nur wenigen Begünstigten erspart blieb.” (4)
Als ”Schleuse” wurden in wechselnden Häusern eingerichtete Räume bezeichnet, in denen die Deportierten der ankommenden und auch der abgehenden Transporte eingesperrt und abgefertigt wurden. ”Der Aufenthalt in der ‚Schleuse‘ dauerte von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen [...] Das Hausen in der ‚Schleuse‘ war ein teuflisches Durcheinander, aber es war anders beim Abschied von Theresienstadt als bei der Ankunft. Die Neulinge waren verschüchtert und dabei schon auf das Lager eingestellt, während die Wegfahrer verzweifelten und sich oft noch bemühten, dem Verhängnis zu entrinnen. Vor der Abreise war an Schlaf kaum zu denken [...] Vor dem Ausmarsch erschien die SS, die meist gereizt war, brüllte und auch schlug. Solange man in Bohušovice einstieg, mussten die Menschen, die gehen konnten, in gleicher Weise zum Bahnhof laufen, wie sie ins Lager gekommen waren. [...] Es dauerte einige Stunden, bis ein Transport verladen war, durchschnittlich kamen 70 bis 80 Personen in einen Viehwagen.” (4)

”Treblinka, das mörderischste Lager [...], war nordöstlich von Warschau nahe der Bahnlinie Warschau-Białystok auf sandigem Gelände errichtet worden, das sich bis zu einer Biegung im (Fluss) Bug erstreckte. [...] Das zweite oder ‘obere Lager’ war vom ersten durch Stacheldraht und von dichtem Laub bedeckte Zäune abgeschirmt, die unerwünschte Einblicke verhinderten. Ein massives Ziegelgebäude verband drei Gaskammern, die durch ein Röhrensystem mit einem Dieselmotor verbunden waren (ein größeres Gebäude mit zehn Gaskammern kam dann im Oktober 1942 hinzu). Ebenso wie in Chelmno, Belzec oder Sobibór mussten sich die Deportierten nach der Ankunft ausziehen und alle Kleidungsstücke und Wertsachen für die Sortiermannschaften zurücklassen. Vom ‘Entkleidungsplatz’ wurden die Opfer durch die ‘Himmelsstraße’, einen engen Korridor, zu den Gaskammern getrieben. Ein Schild wies ‘zu den Duschen’.” (5)

In der Zeit, als Emil Oestreicher Treblinka erreichte, waren die großen Deportationen aus dem Warschauer Ghetto noch in vollem Gange. Vom Juli bis September 1942 wurden innerhalb von zwei Monaten 265.040 Warschauer Juden in Treblinka vergast. Der berühmte Kinderarzt Janusz Korczak war einer von ihnen. Als Leiter eines Waisenhauses hatte er sich geweigert, seine Kinder allein zu lassen, und war am 5. August 1942 mit ihnen in den Tod gegangen. (5) ”Schätzungsweise sind insgesamt 900.000 Juden und einige tausend Sinti und Roma in Treblinka ermordet worden [...] Auch aus Theresienstadt kamen mindestens fünf Transporte nach Treblinka. Mit diesen Transporten kamen auch 205 Münchner Juden in das Vernichtungslager. Keiner hat überlebt.” (1)

Emil Oestreicher ist einer von mehr als einem Dutzend Verwandter, von deren Existenz und Ermordung ich bei meinem ersten Besuch im Stadtarchiv München erfahre. Mein Schmerz und die Trauer über ihr schreckliches Ende sind so deutlich zu spüren nach all den Jahren. Gleichzeitig empfinde ich es als tröstlich, dass ihr Leiden in einer würdevollen Form dokumentiert und öffentlich gemacht wurde. (1)

Ich möchte für Emil Oestreicher, der mit 68 Jahren das ganze Grauen der Shoah erleben musste, einen Stolperstein verlegen lassen. Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis Ende 2008 verlegte er in Deutschland ca. 17.000 Stolpersteine. In München (ausge-rechnet und fast nur in München) ist diese Form des Gedenkens von der Stadt verboten und wird sehr kontrovers diskutiert. Dazu schreibt Jackie Kohnstamm, Enkelin ermordeter Juden aus Berlin (6):

”Viele haben sich dem Stolperstein-Projekt angeschlossen. Es ist wie ein Kieselstein, der in einen See geworfen wird, sagen die Organisatoren, die Ringe auf der Wasseroberfläche werden immer größer. Doch nicht alle Reaktionen sind positiv. Für die Juden sei genug getan worden, sagte eine Frau und zog ihre Haustür zu. Einmal wurden zwei neue Steine von Neonazis gestohlen, die ihren Tri-umph anschließend auf ihre Website stellten. Auch Juden reagieren nicht immer begeistert. Manche sehen es als Entweihung, auf den kleinen Denkmälern herumzulaufen, andere fürchten, dass Hunde diese beschmutzen könnten. Ich für meinen Teil denke, dass das Schlimmste, was meinen Großel-tern passieren konnte, vor Jahrzehnten geschehen ist. Lasst ihre Stolpersteine ignoriert, beschmutzt oder entwendet werden, solange nur ab und zu ein Vorübergehender bei ihnen stehenbleibt und anfängt, nachzudenken.”

Ich erlebe erstmals am 1. September 2007 eine Stolpersteinverlegung, als der Stein für Emils Bruder Heinrich Oestreicher auf Privatgrund verlegt wird. Die Aktion, von der ich erst kurz zuvor aus der Zeitung erfuhr, beeindruckt mich tief. In einem zwei Tage später ausgestrahlten Radiointerview befürworte ich die Stolperstein-Aktion als “eine ganz ausgezeichnete Art, ein Gedenken von unten zu erreichen". (7)

Thomas Nowotny

Diese Biographie wurde am 22. März 2009 dem Gedächtnisbuch für die ehemaligen Häftlinge des KZ Dachau beigefügt.

Fußnoten:
1. Stadtarchiv München (Hg.): Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945, Band 2, München 2007
2. Persönliche Mitteilung des Archivs der KZ-Gedenkstätte Dachau
3. Yad Vashem Database
4. H. G. Adler: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, 2. Aufl., Tübingen 1960, S. 133, 268, 291
5. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Gesamtausgabe, München 2008, S. 812ff
6. Jackie Kohnstamm: Kieselsteine im See. die tageszeitung 5.5.2007
7. Sendung am 3.9.2007 im Deutschlandfunk zur Verlegung desStolpersteins
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