Erna Wilhelmine Mittereder

* 20.04.1925 in München deportiert am 20.11.1941
ermordet in Kaunas am 25.11.1941
Römerstraße 7

Stolperstein verlegt am 27.06.2017


Am 16.7.1923 heiratet die aus Mittelfranken stammende Jüdin Rosa Loewi den katholischen Münchner Rechtsanwalt Franz Mittereder. Vor allem für Franz’ Vater, den Oberpostrat Alois Mittereder, ist die Heirat ein Skandal. Seine Toch-ter Josephine – meine Großmutter – hat ihn als so bigott wie brutal beschrieben, als Mann, der tagsüber ganz vorne in der Fronleichnamsprozession mitmarschierte und nachts seine Frau verprügelte. Dass Alois nur einen Monat nach der Eheschließung seines Sohnes stirbt, ist wohl eher eine Erleichterung für das frischvermählte Paar. Übrigens auch für meinen Vater, der als uneheliches Kind – als „Kind der Schande“ – vom Großvater aus dem Familienverbund ausgeschlossen wird.

Am 20.4.1925 bekommen die Mittereders ein Kind, sie nennen es Erna Wilhelmine. Schon ein Jahr später, am 19.4.1926, stirbt Franz gerade einmal 41jährig, und das Mädchen ist Halbwaise. Rosa Mittereder und ihre Tochter leben bis zum November 1941 in der Maxvorstadt und in Schwabing, ab dem 10.7.1930 in der Römerstraße 7. Ab Mitte 1940 ist Erna offiziell in der Bauer-straße 20 gemeldet. Sie hat im Kinderheim der Israelitischen Jugendhilfe - dem sogenannten Antonienheim - einen Kurs in Hauswirtschaft absolviert und hilft der 75jährigen Jüdin Flora Böhm im Haushalt. Als diese im Frühjahr 1941 ins Altenheim der Kultusgemeinde in der Kaulbachstraße zieht, kehrt Erna zu ihrer Mutter zurück.

Am 20.11.1941 müssen Rosa und Erna Mittereder die Römerstraße 7 unter Zwang verlassen. Offiziell geht es zum „Arbeitseinsatz im Osten“ nach Riga. Da das Ghetto Riga jedoch völlig überfüllt ist, wird der Zug mit etwa 1000 Münch-ner Juden unterwegs nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Im nahe der Stadt gelegenen Fort IX kommt es auf Befehl des Chefs des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A, Karl Jäger, zu einer Massenexekution. Nach fünf Tagen lebt kein einziger der tausend Münchner Juden mehr, auch nicht Rosa und Erna Mittereder.

Über das Schicksal von Rosa und Erna wurde in unserer Familie fast nie gesprochen. Mein Vater handelte das Thema Krieg, trotz seiner mutigen, antifaschistischen Biographie, möglichst mit einigen, wenig aussagekräftigen, Anekdoten ab. So hielt ich Rosa und Erna lange für entfernte Verwandte und begann viel zu spät nachzufragen. Mein Vater hätte mir allerdings auch wenig erzählen können. Er erfuhr erst mit über 80 Jahren durch meine Recherche, dass seine Tante und Kusine nicht, wie von ihm vermutet, nach Auschwitz deportiert worden waren.

Eine für unser Bild der beiden zentrale Geschichte allerdings hat er mir hinter-lassen. Danach hatte im November 1941 nur Rosa Mittereder den Befehl erhalten, sich mit 50 Kilo Gepäck zur Verschickung in den Osten bereitzumachen. Ihre Tochter war nach der Rassenlehre der Nazis nur „Halbjüdin“ und sollte vorerst verschont bleiben. In der Wohnung in der Römerstraße kam es dann zu einer dramatischen Szene. Die Gestapo traf ein, um Rosa abzuholen. Erna sollte der Obhut Kreszentia Gnams, einer Kusine meiner Großmutter übergeben werden. Doch plötzlich weigerte sich das 16jährige Mädchen, seine Mutter alleine gehen zu lassen. Es klammerte sich so lange an ihr fest, bis die Polizisten die Geduld verloren. „Dann kommst du halt auch mit, du Judenfratz“, diesen Satz hat mein Vater mehrfach wörtlich zitiert. Die Mittereders schickten noch ein Familienmitglied, das eine etwas höhere Parteifunktion innehatte, zum Deortationsbahnhof Milbertshofen, um den Irrtum aufzuklären – vergeblich. Inzwischen stand auch Ernas Name auf der Liste und wurde nicht mehr gelöscht – die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie das Leben.

(Rede von Peter Probst anlässlich der Verlegung der beiden Stolpersteine für Rosa und Erna Mittereder in der Römerstraße 7)
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